Wie Luther vor 500 Jahren die deutsche Sprache reformierte

Spilker
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Vor 500 Jahren reformierte Luther die deutsche Sprache. Im Reli-Unterricht wird kaum noch die Bibel gelesen! Stimmt das? Im September 1522 erfand sich die deutsche Sprache neu. Vor genau 500 Jahren erschien Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. 73 Tage lang, vom 18. Dezember 1521 bis zu seiner Abreise am 1. März 1522, hat Luther an seiner Übersetzung auf der Wartburg gearbeitet. Zu dieser Zeit musste er sich dort – getarnt als „Junker Jörg“ – vor den Häschern des Kaisers Karl V. verstecken. Dem hatte er vorher ins Gesicht gesagt, dass er von seinen  Glauben nicht abschwören werde, solange er nicht durch die Heilige Schrift wiederlegt ist. Standhaftigkeit sind Machthaber nicht gewohnt. Das im März 1522 fertiggestellte Manuskript wurde nach mehrfachen Überprüfungen im September veröffentlicht.


Innerhalb eines Jahres wurde Luthers „Newe Testament Deutzsch“ ein Bestseller. Bis zu Luthers Tod folgten nicht weniger als 20 Neuauflagen. Als Luther 1546 starb, waren Hunderttausende seiner Bibeln im Umlauf, und jeder, der sie las, sog damit das Virus des neuen Glaubens ein – auch wenn er Katholik war.
Natürlich hat Luther nicht unser Deutsch „erfunden“. Doch kein anderer einzelner Mensch hat den Gang der deutschen Sprache derart beeinflusst wie der Reformator. Die protestantischen Schulreformen führten Lesen und Schreiben auch für Mädchen ein.

Und heute?  „Luther“ und die Schulen 2022? Kirchenrat Oliver Spilker, Direktor des Schulreferates im  Kirchenkreis Regensburg, steht Rede und Antwort:


Herr Spilker, immer weniger evangelische Schüler, immer mehr Ethik-Unterricht – ist Luther Geschichte?


Oliver Spilker: Die Welt verändert sich und darauf müssen wir reagieren – so wie Luther reagiert hat in seiner Zeit. Von daher: im Gegenteil, Luther ist aktuell. Vor allem zwei Aspekte sind mir dabei für den Religionsunterricht wichtig: 1. Luther wollte Veränderungen. Wo also, so die Frage an die Schüler von heute, muss sich aus eurer Sicht die Kirche verändern? Wie hat sich auch der Glaube verändert? Wenn man mit Jugendlichen das Glaubensbekenntnis durchbuchstabiert, kommt man theologisch schnell an Grenzen. Wir müssen uns trauen, neue Worte zu finden, etwas wie Dietrich Bonhoeffer es in seinem Glaubensbekenntnis versucht hat.

Und 2: Ich nehme in die Schule immer ein altes Messingstandbild mit, das auf meinem Schreibtisch steht. Unter der Statue, Luthers Spruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders…!“ vom Reichstag zu Worms.  Eine Meinung haben und die auch vertreten, notfalls gegen die Mehrheit. Den aufrechten Gang üben und den zweiten Teil des Satzes nicht vergessen „…Gott helfe mir“ Das ist aktueller denn je.


Immer wieder hört man von Schülerinnen und Schülern, dass im Reli-Unterricht kaum in der Bibel gelesen wird…

Oliver Spilker:  Das ist eine Tendenz, die sicher auf die Grundschule nicht zutrifft, wohl aber auf höhere Klassen und die ich seit langem kritisiere. Es ist eben etwas Anderes, mit dem Beamer einen Text an das Whiteboard zu werfen oder eine Bibel in der Hand zu halten. Das gilt aber nicht nur für die Schule sondern auch für den Konfirmandenunterricht, der immer mehr Event-Charakter bekommt, damit man mit Kirche ein tolles Gefühl verbindet.  Das ist mir aber zu wenig. Wenn ich Konfirmierte in der 8 Klasse dann frage, wie die Bibel aufgebaut ist und wo man die Psalmen suchen soll, herrscht Unwissenheit.  Manche haben in der ganzen Konfizeit die Bibel nur einmal in die Hand genommen. Auch wenn auf Jugendfreizeiten Harry Potter anstatt Jesus Christus im Mittelpunkt steht, läuft etwas schief. Luther wollte den Kern der Botschaft der Liebe Gottes wieder ins Zentrum rücken. Unsere Kirche tut gut daran, sich wieder darauf zu besinnen – gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen, sei es in der Schule oder der Gemeinde

Luther auf Instagram, Snpachat oder Tiktok – für Sie vorstellbar?

Oliver Spilker: Ein klares Ja. Da wo die Menschen sind, muss Kirche sein. Es gab  auf Instagram eine Sophie Scholl Lebensreise als Fortsetzungsstory mit täglich ca 25.000 likes. Das wird geschaut.

Was muss sich ändern, damit im Sinne Luthers der evangelische Unterricht eine Zukunft hat?

Oliver Spilker: „Dem Volk aufs Maul schauen“, würde Luther sagen. Also: Zuhören und beim Kind,  beim Jugendlichen bleiben. Lebens- und Glaubenshilfe geben. Und wenn das dann in der Zukunft auch in der Schule mehr ökumenisch wird, ist das ganz im Sinne Luthers.


Herr Spilker, vielen Dank für das Gespräch!